Orthorexie: Wenn der Wunsch nach gesunder Ernährung zur Falle wird Biogevity Redaktion 30. März 2026

Orthorexie: Wenn der Wunsch nach gesunder Ernährung zur Falle wird

Orthorexie

Auf dem Papier klingt es vorbildlich: jemand, der keine verarbeiteten Lebensmittel anfasst, auf Zucker und Alkohol verzichtet, ausschließlich Bio kauft und stundenlang Zutatenlisten studiert, bevor er etwas in den Einkaufskorb legt. Nur dass dieser Mensch dabei nicht mehr schläft, keine Einladungen zum Essen annehmen kann, in Schuldgefühle verfällt, wenn er von seinen Regeln abweicht, und mit der Zeit immer weniger essen darf, weil die Liste des Erlaubten ständig schrumpft. Das ist Orthorexie. Und sie ist komplizierter einzuordnen, als es auf den ersten Blick scheint.

Ein Begriff mit Geschichte und einem ungeklärten Status

Den Begriff Orthorexia nervosa prägte 1997 der amerikanische Arzt Steven Bratman. Die Wortzusammensetzung aus dem griechischen ‚orthos‘ für richtig und ‚orexis‘ für Appetit war bewusst gewählt: In Anlehnung an die Anorexia nervosa wollte Bratman ein Phänomen beschreiben, das auf den ersten Blick das Gegenteil einer klassischen Essstörung zu sein scheint. Während Magersucht sich auf die Menge der Nahrung konzentriert, dreht sich bei der Orthorexie alles um die Qualität. Nicht das Wie viel, sondern das Was und Wie.

Was seitdem nicht passiert ist: Orthorexie wurde weder in den ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation noch in das DSM-5 der American Psychiatric Association als eigenständige Störung aufgenommen. Das ist kein Versehen, sondern ein Hinweis auf den Forschungsstand. ‚Störungsbilder werden erst nach langjährigen Forschungsprozessen aufgenommen. Dafür sind viele Studien nötig, die eindeutig zeigen: Wie sind die Symptome? Wie ist die Prävalenz? Was sind Risikofaktoren? Und die haben wir für die Orthorexie einfach noch nicht‘, sagt Psychologin Friederike Barthels vom Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung in Kiel, die seit über zehn Jahren zu dem Phänomen forscht. Dass das Störungsbild trotzdem klinisch relevant ist, bezweifelt kaum jemand, der Betroffene kennt.

Wo gesundes Essen endet und Orthorexie beginnt

Das ist die eigentlich schwierige Frage, und sie hat keine einfache Antwort. Ernährungstherapeutin Sara Ramminger von der SRH Hochschule für Gesundheit in Gera formuliert es so: Orthorexie sei die Fixierung auf eine gesunde Ernährung mit starren Regeln, was zu Mangelernährung, Leidensdruck sowie Isolation führen kann. Der entscheidende Unterschied zur bewussten, gesunden Ernährung liegt nicht im Inhalt der Regeln, sondern in ihrer Funktion. Wer Bio kauft, weil es ihm wichtig ist, verliert dabei nicht den Schlaf. Wer in Panik gerät, weil auf der Reise kein Bio-Markt zu finden ist, tut das möglicherweise schon.

Psychologin Barthels beschreibt das Spektrum der Ernährungsweisen bei Betroffenen als außergewöhnlich breit: Veganer können ebenso betroffen sein wie Anhänger der Carnivore-Diät, Rohköstler genauso wie Menschen, die Keto-Prinzipien verfolgen. Was alle verbindet, ist nicht die Richtung, sondern die Rigidität und der Leidensdruck. Eine Orthorexie entwickelt sich oft schleichend: Anfangs verzichtet man vielleicht auf stark verarbeitete Lebensmittel, dann auf Gluten, dann auf Milchprodukte, dann auf alles, was nicht selbst zubereitet wurde. Die Regeln werden strenger, der Spielraum enger, der Alltag beherrschender. Gemeinsames Essen mit anderen Menschen wird zur Belastungsprobe oder schlicht unmöglich.

Wie man Orthorexie messen soll und warum das so schwer ist

Ein zentrales Problem der Orthorexie-Forschung liegt in der Diagnostik. Es gibt mehrere Messinstrumente, die jedoch zu sehr unterschiedlichen Prävalenzschätzungen führen. Der ORTO-15, entwickelt von Donini und Kollegen, wurde in vielen frühen Studien eingesetzt und hat massive methodische Kritik kassiert: geringe interne Konsistenz, fragwürdige Konstruktvalidität, unklare Grenzwerte. Eine Metaanalyse mit über 30.000 Teilnehmern aus 18 Ländern, die auf dem ORTO-15 basiert, kam auf eine globale Prävalenz von rund 30 Prozent, was wohl eher die Schwäche des Instruments als die Häufigkeit des Phänomens abbildet.

Die Düsseldorfer Orthorexie Skala (DOS), von Barthels und Pietrowsky entwickelt und mit besseren psychometrischen Eigenschaften ausgestattet, liefert deutlich nüchternere Zahlen. Auf Basis dieser Skala schätzt Barthels die Prävalenz in der Allgemeinbevölkerung auf ein bis zwei Prozent, was in Deutschland etwa 1,5 Millionen Menschen entspräche. Hinzu kommt seit einigen Jahren die Teruel Orthorexia Scale (TOS), die zwischen krankhafter Orthorexia nervosa und einem schlicht gesundheitsbewussten Essverhalten unterscheidet, das die Autoren als ‚Healthy Orthorexia‘ bezeichnen. Diese Differenzierung ist wissenschaftlich sinnvoll, weil sie die Frage stellt, die im Kern der ganzen Debatte steckt: Nicht jedes ausgeprägte Interesse an Ernährung ist per se pathologisch.

Wer besonders gefährdet ist

Ein systematischer Review, veröffentlicht im International Journal of Environmental Research and Public Health (2024), wertete 26 Studien aus und kam zu einem klaren Befund: Die Prävalenz von Orthorexie ist in Gesundheitsberufen und unter Ernährungswissenschaftsstudenten durchgängig höher als in der Allgemeinbevölkerung. Unter Diätetikstudierenden wurden besonders hohe Werte gemessen. Frühe Phasen des Studiums oder Berufsstart erscheinen besonders kritisch. Keine konsistenten Unterschiede zeigten sich hingegen nach Geschlecht oder Body-Mass-Index, was frühere Annahmen korrigiert, dass Frauen deutlich stärker betroffen seien.

Psychologin Barthels beschreibt darüber hinaus typische Persönlichkeitsmerkmale: Perfektionismus, ein ausgeprägtes Kontrollbedürfnis, Gesundheitsangst. ‚Viele Betroffene berichten, dass sie sich durch ihre Ernährung besonders diszipliniert und moralisch überlegen fühlen‘, sagt Barthels. Das ist ein Hinweis auf eine Funktion, die über das Essen selbst hinausgeht: Ernährungskontrolle als Bewältigungsstrategie für Stress, Unsicherheit, Kontrollverlust in anderen Lebensbereichen. Lebensphasen des Umbruchs können nach Barthels das Orthorexie-Risiko erhöhen, weil die eigene Ernährung einer der wenigen Bereiche ist, die sich zu jeder Zeit vollständig selbst kontrollieren lassen.

Soziale Medien als Verstärker: Was die Forschung dazu sagt

Eine Querschnittsstudie mit 892 Studierenden, erschienen in BMC Public Health (2025), untersuchte den Zusammenhang zwischen Social-Media-Nutzung und Orthorexie-Tendenz. Das Ergebnis war eindeutig: Nicht die Nutzungsdauer an sich, sondern die Plattformwahl war entscheidend. Die Nutzung von Instagram, Pinterest und TikTok war signifikant mit erhöhter Orthorexie-Tendenz korreliert. Andere Plattformen zeigten diesen Effekt nicht. Bildbasierte Plattformen, auf denen visuell aufbereitete Ernährungsinhalte dominieren, scheinen rigide Ernährungsideale zu verstärken.

Bereits 2017 hatte eine Studie, die in Eating and Weight Disorders veröffentlicht wurde, gezeigt, dass höhere Instagram-Nutzung mit stärkeren Orthorexie-Symptomen einhergeht. Unter 680 Nutzern, die gezielt Gesundheitsfood-Accounts folgten, erfüllten 49 Prozent die ORTO-15-Kriterien für Orthorexie, gegenüber unter einem Prozent in der Allgemeinbevölkerung. Die Stichprobe war selbstselektiert und damit nicht repräsentativ, der Befund dennoch auffällig. Algorithmen auf Plattformen wie TikTok belohnen extreme Ernährungsformen mit Reichweite, was Menschen mit einer ohnehin ausgeprägten Gesundheitsorientierung systematisch in radikalere Inhalte führen kann. Ernährungsberaterin Ramminger sieht darin einen der stärksten Treiber der letzten Jahre.

Die Verbindung zur Longevity-Kultur und zum Biohacking

Orthorexie ist keine neue Erscheinung, aber sie bekommt im Kontext des Longevity-Booms eine neue Färbung. Wer täglich seinen Blutzucker trackt, Schlafphasen optimiert, Nahrungsergänzungsmittel nach Protokoll nimmt und jeden Bissen gegen ein imaginäres Gesundheitsideal abwägt, betreibt auf den ersten Blick Selbstoptimierung. Der Übergang zur obsessiven Fixierung ist fließend. Ernährungspsychologische Experten wie PD Thomas Ellrott sehen in der starken Kontrolle des Speiseplans eine Bewältigungsstrategie für eine als chaotisch empfundene Welt: Während globale Krisen als überwältigend erlebt werden, bietet das eigene Essen eine scheinbar handhabbare Zone der Souveränität.

Orthorexie

Das ist psychologisch nachvollziehbar, klinisch aber relevant. Kontinuierliche Glukosemesssysteme, ursprünglich für Menschen mit Diabetes entwickelt, werden heute zunehmend von Gesunden genutzt, die ihren Stoffwechsel optimieren wollen. Für Menschen mit einer Tendenz zur Orthorexie können solche Geräte die Fixierung auf Ernährungsdaten verstärken statt abmildern. Die Grenze zwischen datengetriebener Gesundheitspflege und digitalem Kontrollzwang ist schmal, und die Forschung dazu steht noch am Anfang.

Abgrenzung zur Zwangsstörung und zu anderen Essstörungen

Die Frage, ob Orthorexie eine Unterform der Zwangsstörung ist, beschäftigt die Forschung seit Jahren. Ein systematischer Review in CNS Spectrums (2024) fasste zusammen, dass Orthorexie-Symptome sich mit denen anderer Essstörungen, vor allem Anorexie und Bulimie, überschneiden. Dennoch gibt es einen konzeptionellen Unterschied: Bei der Zwangsstörung im klinischen Sinne erkennen Betroffene ihr Verhalten in der Regel als nicht normal an. Dieser Leidensdruck fehlt bei Orthorexie häufig. Betroffene fühlen sich nicht gestört, sondern diszipliniert. Das erschwert sowohl die Diagnose als auch den Zugang zu Hilfe erheblich.

Dr. Alexander Spauschus von der Schön Klinik Hamburg beschreibt Orthorexie als verwandt mit, aber nicht gleich wie eine Zwangsstörung. Einige Mediziner sehen sie als Teilsymptom einer bestehenden Essstörung. Andere beschreiben sie als eigenständige Vorstufe, aus der sich klassische Essstörungen entwickeln können, oder als Residualsymptom nach der Behandlung einer Magersucht. Diese Unklarheit über den Stellenwert ist kein Zeichen schlechter Wissenschaft, sondern ein ehrliches Bild des aktuellen Forschungsstands.

Was Therapie heute leisten kann und nicht kann

Verbindliche Behandlungsleitlinien für Orthorexie existieren nicht. Das liegt daran, dass ohne offizielle Diagnose auch keine systematische Therapieentwicklung stattfindet, ein klassisches Henne-Ei-Problem. Ramminger beschreibt das Ziel ihres Forschungsprojekts an der SRH Hochschule Gera als die Entwicklung eines Behandlungsleitfadens für Fachkreise. Bis dahin empfehlen Experten einen multidisziplinären Ansatz aus Psychotherapie, Ernährungsberatung und, bei körperlichen Mangelzuständen, medizinischer Behandlung.

Psychotherapeutisch stehen kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze im Vordergrund, die den starren Kategorisierungen in erlaubt und verboten entgegenwirken und die zugrunde liegende Funktion der Ernährungskontrolle bearbeiten. Praktisch bedeutet das: nicht nur das Essen verändern, sondern das Denken darüber. Ob Orthorexie jemals als eigenständige Störung anerkannt wird, hängt davon ab, ob die Forschung belastbare, einheitliche Daten zu Symptomen, Prävalenz und Risikofaktoren liefern kann. Der Druck dafür wächst, denn die klinische Realität ist längst da, auch ohne den Eintrag im Diagnosehandbuch.

Quellen

Barthels F., Pietrowsky R.: Düsseldorfer Orthorexie Skala (DOS). Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Zitiert in: Apotheken Umschau, 2023 und National Geographic, 2024.

Usta Ulutaş P., Okan Bakır B. (2025): The type of social media is a greater influential factor for orthorexia nervosa than the duration: a cross-sectional study. BMC Public Health, 25:827.

Turner PG., Lefevre CE. (2017): Instagram use is linked to increased symptoms of orthorexia nervosa. Eating and Weight Disorders, 22:277–284.

Systematic Review (2024): Prevalence and Risk of Orthorexia Nervosa in Health Workers and Students. Int J Environ Res Public Health, 21(8):1103. MDPI.

Carpita B. et al. (2024): Prevalence of orthorexia nervosa in clinical and non-clinical populations: A systematic review. CNS Spectrums, 29(6).

Orthorexia Nervosa and Social Media: A Literature Review (2025). PMC, Open Access, April 2025.

Wikipedia: Orthorexia nervosa. Aktuelle Version (2025), mit Bezug auf Bratman 1997 und Barthels-Daten.

Ramminger S. (2024), SRH Hochschule für Gesundheit Gera. Zitiert in: National Geographic, November 2024.

Spauschus A. (2025), Schön Klinik Hamburg Eilbek. Zitiert in: ZDF heute, November 2025.

Ruiz-Lázaro J. et al. (2025): The Role of Social Media Addiction, Depression, Rumination and Disordered Eating Behaviours in Orthorexia Nervosa Symptoms. SAGE Journals.

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